Nordkap zwischen Mitternachtssonne und dem Ende Europas
Es gibt Orte, die stehen auf unzähligen Bucket Lists. Das Nordkap gehört definitiv dazu. Fast 2.100 Kilometer nördlich von Oslo erhebt sich das berühmte Felsplateau rund 300 Meter über dem Eismeer. Jahr für Jahr reisen Hunderttausende Besucher hierher, um einmal am vermeintlich nördlichsten Punkt Europas zu stehen.
Meine Reise begann allerdings nicht in Honningsvåg, sondern deutlich weiter südlich in Bremerhaven. Dort besuchte ich Freundenach meinem Vertrag, die noch einige Wochen vor sich hatten. Gemeinsam ging es entlang der norwegischen Küste Richtung Norden.
In Flåm begleitete ich eine  RIB Boat Tour durch den Aurlandsfjord und sprangen anschließend tatsächlich noch ins eiskalte Wasser. 
Frühlingshaft waren dort höchstens die Temperaturen an Land. In Nordfjordeid führte uns eine Wanderung zu einem Wasserfall und in Tromsø besuchten wir die berühmte Mack Brauerei, die lange als nördlichste Brauerei der Welt galt.
Je weiter wir nach Norden kamen, desto mehr veränderte sich auch das Tagesgefühl. Irgendwann überquerten wir den Polarkreis und wenig später ging die Sonne gar nicht mehr unter. Ist schon ein verwirrendes Gefühl für den Körper die Mitternachtssonne erleben zu erleben. Der Körper weiß überhaupt nicht mehr, ob er schlafen oder den Tag beginnen soll. Zum Glück hatte meine Kabine kein Fenster. Das half zumindest ein wenig dabei, den Schlafrhythmus nicht völlig zu verlieren.
Mit dem Bus zum Nordkap
In Honningsvåg angekommen warteten bereits die Busse. Rund 40 Minuten dauert die Fahrt über die karge Landschaft bis zum Besucherzentrum am Nordkap. An unserem Tag waren insgesamt etwa 40 Busse unterwegs. Entsprechend viel Betrieb herrschte auf den Straßen.
Als ehemaliges Crewmitglied war ich zwar ganz normal als Gast unterwegs, betreute unterwegs aber trotzdem einen Bus und moderierte die Fahrt ein bisschen. 
Wir fuhren vorbei am Flughaven von Honningsvåg (HVG) und der Copacabana von Honningsvåg. Ein mini Strand perfekt um mal kurz in die Barentsee eintauchen zu können. Schon während der Fahrt wird die Landschaft immer rauer. Kaum Bäume, dafür weite Ebenen, Felsen und immer wieder Rentiere am Straßenrand. Man merkt schnell, dass man sich weit oberhalb des Polarkreises befindet.
Am Nordkap angekommen erwartet die Besucher zunächst der berühmte Globus. Wahrscheinlich eines der meistfotografierten Wahrzeichen Norwegens. Ehrlich gesagt wirkt er kleiner und unspektakulärer, als viele ihn sich wohl vorstellen.
Für mich ging der erste Weg aber zu meinen ShoreEx Kollegen denen ich Gebäck aus dem Bordrestaurant mitgebracht hatte. Danach lief ich auch direkt zum Globus. Viel beeindruckender fand ich das, was ihn umgibt. Die fast senkrecht ins Meer abfallenden Klippen, die unendliche Weite des Nordmeers und dieses besondere Gefühl, dass hinter dem Horizont nur noch die Arktis liegt. Genau deshalb kommt man hierher.
Ich nahm mir bewusst Zeit und schaute mich nicht nur draußen um. Auch das Nordkap Zentrum lohnt sich selbst auch. Dort erfährt man viel über die Geschichte dieses Ortes und über die Menschen, die ihn über Jahrhunderte besucht haben. Besonders beeindruckt hat mich der Film, der die verschiedenen Jahreszeiten am Nordkap zeigt.
Etwas versteckt steht außerdem das Denkmal "Kinder der Welt". Sieben große Steinscheiben mit Zeichnungen von Kindern aus unterschiedlichen Ländern erinnern daran, dass dieser Ort Menschen aus der ganzen Welt verbindet.
Geschichten, die das Nordkap schreibt
Mindestens genauso spannend wie die Landschaft waren für mich die Menschen, die ich dort getroffen habe.
Während meines Aufenthalts kamen zwei Radfahrer und drei Motorradfahrer am Nordkap an. Einer der Radfahrer war auf der anderen Seite des E1 in Italien gestartet und hatte Tausende Kilometer bis hierher zurückgelegt. Der Europäische Fernwanderweg E1 verbindet das italienische Capo Passero auf Sizilien mit dem Nordkap und zählt zu den längsten Fernwanderwegen Europas.
Während die meisten Gäste schon wieder mit den Bussen zurückfuhren, blieb ich noch etwas länger. Da ich mit jedem Bus hätte zurückfahren können, hatte ich keinen Zeitdruck.
Der Wind ließ für wenige Minuten nach. Ich dachte jetzt oder nie. Normalerweise ist das am Nordkap eher selten. Ich nutzte die Gelegenheit sofort und startete meine Drohne. Die Bilder gehören bis heute zu meinen liebsten Aufnahmen aus Norwegen. Das warme Licht der tiefstehenden Mitternachtssonne legte sich über die Klippen und tauchte die Landschaft in goldene Farben.
Die Drohne mochte es aber wohl nicht so.  
Während ich über dem Meer filmte, frischte der ablandige Wind plötzlich immer wieder auf. Als ich den Rückflug antreten wollte, wurde mir schnell klar, dass ich die Situation unterschätzt hatte. Trotz Sportmodus bewegte sich die Drohne stellenweise nur noch mit 0,0 bis 0,5 Metern pro Sekunde gegen den Wind. Für einen kurzen Moment dachte ich tatsächlich, dass wir das Nordkap wohl nicht gemeinsam verlassen würden.
Also begann ich langsam, immer weiter an Höhe zu verlieren. Meter für Meter flog ich tiefer, bis ich schließlich deutlich unterhalb der Klippen unterwegs war. Dort ließ der Wind etwas nach und die Drohne kämpfte sich langsam wieder nach vorne. Als sich schließlich ein ruhiger Moment ergab, holte ich sie aus dem Windschatten der Klippe und setzte sie sicher neben mir auf den Boden.
Glück gehabt. Aber das wars wert, wer nicht fliegt weil es riskant sein könnte verpasst so viele Shots.

Auch die Rückfahrt war noch ganz lustig. Auf Kreuzfahrten wird bei jedem Ausflug genau gezählt, wie viele Gäste einen Ort betreten und wie viele später wieder zurückkehren. Am Ende muss die Zahl natürlich wieder auf null stehen.
In der Praxis funktioniert das bei 40 Bussen allerdings nur selten perfekt. Irgendjemand steigt noch einmal aus, jemand wird doppelt gezählt oder läuft zwischen zwei Gruppen hindurch.
Wir waren bereits auf dem Rückweg zum Schiff und machten unterwegs noch einen kleinen Fotostopp im wunderschönen Licht der Mitternachtssonne, als plötzlich über Funk die Meldung kam, dass angeblich noch zwei Gäste fehlen würden.
Im Bus wurde sofort diskutiert, wo wir nicht gesucht hatten und wo sie sein könnten. Schließlich fiel jemandem auf, dass ich und eine ehemalige Kollegin ja als Gäste mitfuhren, aber trotzdem mit im Crewbus saße. Plötzlich passte die Rechnung wieder und die beiden vermissten Gäste waren gefunden. Trotzdem ein kleiner Schockmoment für alle.
Das Nordkap ist gar nicht der nördlichste Punkt Europas
Zum Schluss noch ein kleiner Fun Fact. So bekannt das Nordkap auch ist, der nördlichste Punkt des europäischen Festlands liegt tatsächlich noch etwas weiter nördlich. Er heißt Knivskjellodden und befindet sich auf einer benachbarten Landzunge westlich des Nordkaps.
Dorthin führt allerdings nur eine mehrere Kilometer lange Wanderung. Deshalb bleibt das Nordkap für die meisten Besucher trotzdem das symbolische Ende Europas.
Als wir später wieder an Bord waren und das Nordkap langsam hinter uns verschwand, wurde mir klar, dass mir nicht der berühmte Globus am meisten in Erinnerung bleiben würde. Es sind vielmehr die Mitternachtssonne, die beeindruckende Landschaft und die vielen kleinen Geschichten, die diesen Ort für mich besonders gemacht haben. 

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