Rio de Janeiro – Zwischen Traumkulisse, Gegensätzen und einem Flug über die schönste Stadt Südamerikas

Im Jahr 1502 entdeckten portugiesische Seefahrer die Bucht von Guanabara und hielten sie für die Mündung eines großen Flusses. Sie tauften den Ort „Rio de Janeiro“ – Fluss des Januars. Mehr als 500 Jahre später ist aus dem Irrtum eine der aufregendsten Metropolen der südlichen Hemisphäre geworden.
Eine Stadt der Superlative. Eine Stadt, in der Arm und Reich Tür an Tür leben und doch Welten zwischen ihnen liegen. Auf der einen Seite ragen luxuriöse Hochhäuser und Villen mit Blick auf die berühmten Strände von Copacabana und Ipanema in den Himmel. Auf der anderen Seite ziehen sich die Favelas wie ein Mosaik aus Ziegeln die steilen Berghänge hinauf, Häuser scheinbar wie Tetris-Bausteine übereinander gestapelt. Rio ist ein Ort voller Schönheit, aber auch voller Widersprüche.
Eigentlich sollte unser Schiff erst einen Tag später anlegen, doch durch eine Routenänderung erreichten wir Rio früher und lagen gleich zwei Nächte im Hafen. Als das Schiff am späten Nachmittag freigegeben wurde, ließ ich nicht lange auf mich warten, schnappte mir ein Uber und fuhr Richtung Ipanema.
Und Rio enttäuschte nicht.
Die untergehende Sonne tauchte den Himmel in ein Farbenspiel aus Orange, Rot und Violett. Die Wellen crashten auf den Strand, Menschen spielten Fußball im Sand, Jogger liefen an der Promenade entlang. In diesem Moment verstand ich, warum dieser Ort für viele zu den schönsten Städten der Welt gehört.
Ein Straßenhändler versuchte mir einen Sex on the Beach für umgerechnet rund 15 Euro zu verkaufen. Ein Preis, der selbst für eine der berühmtesten Strandkulissen der Welt etwas sehr ambitioniert war. Ich gönnte mir stattdessen eine Pizza und spazierte später noch zur berühmten Copacabana. Dieser Strand ist mehr als nur ein Stück Sand. Er ist eine Bühne der Weltgeschichte. Hier feierten 2014 Hunderttausende Fußballfans während der Weltmeisterschaft, hier treffen täglich Touristen, Einheimische, Sportler und Verkäufer aufeinander.
Am nächsten Morgen begann meine eigentliche Entdeckungstour. Mein erster Halt war natürlich das Wahrzeichen der Stadt – die Christusstatue auf dem Corcovado. Mit der historischen Zahnradbahn ging es hinauf auf den Berg. Oben angekommen erwartete mich jedoch nicht nur einer der spektakulärsten Ausblicke der Welt, sondern auch eine Überraschung.
Zufällig fand an diesem Tag die 461. Geburtstagsfeier Rios statt. Gemeinsam mit dem Erzbischof wurde der Geburtstag der Stadt gefeiert und ich schaffte es, mir einen guten Platz zu sichern, um das Spektakel und die besondere Atmosphäre fotografisch festzuhalten. Es wurde ein 461cm langer Kuchen angeschnitten und nach dem Event verteilt. Es war so alles etwas random.

Der Kuchen bestand aus mehreren Teilen.

Nach der Zeremonie erkämpfte ich mit einen Platz ganz am Geländer.Der Blick vom Corcovado ist atemberaubend. Die Stadt liegt einem zu Füßen wie ein riesiges lebendiges Gemälde aus Meer, Bergen, Wolkenkratzern und grünen Hügeln. Allerdings teilt man dieses Erlebnis mit Tausenden anderen Besuchern. Sich frei zu bewegen oder ein Foto ohne Menschenmassen zu machen, ist fast unmöglich. Wer die Christusstatue in Ruhe erleben möchte, sollte möglichst früh am Morgen kommen. Beim nächsten Besuch würde sogar direkt nach Sonnenaufgang hier oben stehen, denn dann ist das ganze hier sehr entspannt meinte einer der Angestellten.

Nur" fast" unmöglich

Mein nächster Halt war einer meiner persönlichen Geheimtipps in Rio: der Aussichtspunkt Mirante Dona Marta. Von dort eröffnet sich eines der berühmtesten Panoramen der Stadt. Man blickt auf den Zuckerhut, die Bucht von Guanabara und die endlosen Häusermeere Rios. Auch die Christusstatue selbst ist von hier aus perfekt zu sehen. Viele der bekannten Postkartenbilder der Stadt entstanden genau aus dieser Perspektive.
Anschließend ging es hinunter ins Zentrum zur Catedral Metropolitana de São Sebastião. Die riesige, kegelförmige Kirche erinnert eher an eine futuristische Pyramide oder an ein Raumschiff aus einem Science-Fiction-Film als an eine klassische Kathedrale.
Doch auf dem Weg dorthin erlebte ich die Schattenseite Rios am eigenen Leib.
Mein Uber setzte mich am Praça Tiradentes ab. Es waren nur wenige hundert Meter bis zur Kathedrale. Ich holte kurz mein Handy heraus, um ein Foto der Statue auf dem Platz zu machen. Keine Sekunde später spürte ich einen Ruck von hinten. Ein Mann auf einem Fahrrad versuchte, mir das Handy im vorbeifahren aus der Hand zu reißen.
Glücklicherweise hatte er keinen Erfolg. Für einen kurzen Moment sahen wir uns beide völlig überrascht an. Er, weil sein Versuch gescheitert war, und ich, weil ich erst realisieren musste, was gerade passiert war. Zum GLück war ihm nicht bewusst was alles in meinem Rucksack schlummerte, denn sonst wäre er vermutlich nochmal wieder gekommen. Nach diesem Schreck machte ich mich schnell auf den Weg zur Kathedrale. 
Die Kathedrale selbst war jedoch faszinierend. Von außen eingehüllt ihn blaue Netze und von innen getänkt in bunte Farben. Ihre außergewöhnliche Architektur polarisiert. Manche halten sie für ein Meisterwerk der Moderne, andere finden sie fehl am Platz. Für mich war sie vor allem  ein spannendes Motiv. Ich suchte ungewöhnliche Blickwinkel, spielte mit Linien und Perspektiven und versuchte, ihre monumentale Form fotografisch einzufangen. 

Abstrakte Formen und kühle Geometrie treffen auf einen einzigen Moment von Leben im Betonlabyrinth.

Für so wenige Menschen hab ich lange warten müssen.

Danach ging es weiter zur berühmten Escadaria Selarón. Genau in dem Moment, als ich die bunten Fliesenstufen erreichte, öffnete der Himmel seine Schleusen. Der tropische Regen prasselte auf die Stadt nieder, doch die Treppe blieb voller Besucher.
Die Escadaria Selarón ist zweifellos ein Kunstwerk aus Farben und Geschichten. Tausende Fliesen aus aller Welt bilden ein riesiges Mosaik, das sich durch das Viertel schlängelt. Ein Foto ohne andere Menschen zu machen, ist allerdings nahezu unmöglich. Auch hier gilt wieder: Wer die Treppe für sich haben möchte, muss früh aufstehen. Nach einem kurzen Abstecher zurück zum Schiff und dem traditionellen Sonntagsschnitzel an Bord wartete direkt im Anschluss das Highlight meines Besuchs auf mich. 
Der Helikoperflug
Schon seit Jahren wollte ich diese Stadt einmal aus der Luft sehen. Und tatsächlich ist dieses Erlebnis erschwinglicher, als viele denken. Flüge mit Türen gibt es bereits ab etwa 120 Euro, ein Doors off Flug, bei dem man die Füße über der Stadt baumeln lassen kann, beginnt bei etwa 200 Euro.
Als wir am Flughafen Jacarepaguá ankamen, gab es zunächst Unsicherheit wegen des Wetters. Mein Kollege, der vormittags fliegen wollte, sein Flug wurde erst nach hinten verschoben und schlussendlich abgesagt. Doch unser Pilot gab schließlich grünes Licht.
Dann folgte die nächste Herausforderung: Meine Kameras. Zunächst durfte ich keine Kamera mitnehmen, da sie nicht ausreichend gesichert sei. Erst nachdem ich demonstrierte, wie stabil meine Kamera am Sicherheitsgurt befestigt war, indem ich sie wie wild am Schultergurt durch die Gegend schleuderte, erhielt ich die Erlaubnis. Allerdings nur für eine Kamera.  Die zweite gab ich nach einer weiteren Schleudereinlage meinem Kollegen von der Rezeption. Kaum saßen wir in der Luft, tauschten wir unsere Ausrüstung, sodass ich beide Kameras nutzen konnte und er mein Handy hatte.

Ein typischer Robinson R44 war unser Fluggerät.

Und dann ging es auch schon los.
Mit den Füßen über der Stadt zu schweben, den Wind zu spüren und auf Rio hinabzublicken, war ein Gefühl von Freiheit. Unter mir lag die Stadt wie ein riesiges Kunstwerk der Natur: der Zuckerhut, die endlosen Strände von Copacabana und Ipanema, die grünen Berge und dazwischen die Millionenmetropole, die sich wie ein lebendiger Organismus durch die Landschaft zieht.
Ich hatte bereits einen Doors off Flug über New York gemacht. Doch Rio ist anders. Während New York mit seiner vertikalen Skyline beeindruckt, lebt Rio vom Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur. Kaum eine andere Großstadt der Welt wirkt, als hätte ein Künstler sie zwischen Meer, Berge und Regenwald gemalt. Wir flogen über die malerischen Strände bis hin zum Ipanema, sahen die ganzen Waterfront Villas, welche von hier oben so winzig wirkten. 

Das Viertel Rocinha

Größer könnte der Kontrast zwischen Mensch und Natur kaum sein.

Das blaue Wasser krachte in großen Wellen auf den Strand. Die Menschen wirkten wie kleine Punkte auf einem endlosen Teppich aus Sand, liefen, spielten und bewegten sich wie in einer Miniaturwelt. Surreal, diese Perspektive zu erleben, während ich noch am Vortag selbst dort unten gestanden hatte.

Wie ein Miniaturland

Die berühmte Copa Cabana in ihrer vollen Größe.

Wellen schlagen auf den Strand

Dann ging es zum Highlight des Fluges, dem Cristo Redentor. Wir umkreisten die gewaltige Statue, während die Wolken perfekt mit der Szenerie spielten und uns immer wieder den Blick auf das Wahrzeichen freigaben. Die Sicht hätte kaum besser sein können. Ich ließ die Füße aus dem Helikopter baumeln und blickte hinunter auf Rio de Janeiro, während Christus über diese riesige und faszinierende Stadt zu wachen schien.

Christo wacht über die Stadt

In der Ferne war auch das Maracanã-Stadion zu erkennen, jener legendäre Ort, an dem 2014 Fußballgeschichte geschrieben wurde. Bei der letzten Umrundung wurde die Christusstatue schließlich langsam von den Wolken umhüllt. Ein magischer und fast unwirklicher Moment.

Das Maracanã Stadion

Christo umrahmt von Wolken

Anschließend ging es langsam zurück. Sanft setzten wir zur Landung an und landeten wie ein Flugzeug auf der Start und Landebahn und fuhren zurück zum Schiff.

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