48 Stunden in New York für die Tribute in Light

Das erste Mal, als ich ein Bild von New York mit den beiden Lichtstrahlen gesehen habe, dachte ich ehrlich gesagt, es wäre fake. Denn irgendwie wirkte es zu perfekt. Ich war schon mehrfach in New York City, aber dieses Bild zeigt eine komplett andere Seite der Stadt. Und genau das hat mich so fasziniert. Denn ich kenne New York eigentlich nur als laut, hektisch, schnell und wuselig. Doch diese beiden Lichtstrahlen verändern die ganze Stimmung der Stadt. Es ist ein wunderschönes Tribut an die Geschichte der Stadt, an die alte Skyline und natürlich an die Opfer. Und ich wollte das unbedingt irgendwann mit eigenen Augen sehen.
Insgesamt war ich nur 48 Stunden in New York. Nur mit einem Rucksack, meiner Kamera und diesem einen Bild im Kopf. Also buchte ich spontan Flüge. Zum ersten Mal durfte ich mit Condor fliegen und endlich die neuen Ringelsocken Flugzeuge testen. Ehrlich gesagt war ich positiv überrascht, der Service war gut und der Flug angenehm.
Fotografisch hatte ich eigentlich alles dabei, was ich brauchte. In meinem Rucksack war meine Canon EOS R6 sowie drei Objektive. Mein immer drauf Objektiv war das Canon RF 24-70mm F/2.8. Zusätzlich hatte ich noch mein Canon EF 70-200mm F2.8 sowie das Canon RF 15-35mm F2.8 dabei. Also quasi das Holy Trinity von Canon. Damit konnte ich alles perfekt abdecken. Zusätzlich hatte ich noch mein Rollei Reisestativ für die Langzeitbelichtungen dabei sowie mein Filterset, damit man auch tagsüber lange belichten kann. Einen Fernauslöser habe ich aus Platzgründen zuhause gelassen. Der Zwei Sekunden Timer reicht für die meisten Situationen vollkommen aus.
Direkt nach meiner Ankunft zog es mich erstmal zur The Cheesecake Factory. Ein Oreo Cheesecake musste einfach sein. Ich hatte ihn wirklich vermisst. Schade, dass es in Europa keine Cheesecake Factory gibt.
Danach ging es weiter nach DUMBO in Brooklyn. Von dort hat man einen wunderschönen Blick auf die Skyline von Manhattan. Als ich dort ankam, saßen überall Menschen am Wasser. Sie redeten, lachten, machten Fotos und genossen den Abend. Einige tanzten sogar. Genau so stellt man sich New York vor.
Dann gingen die Lichter an.
Zwei riesige Lichtstrahlen schossen plötzlich in den Nachthimmel über Manhattan. Sie standen dort, wo einst die Twin Towers die Skyline geprägt hatten. Die Türme, die früher die höchsten Gebäude Nordamerikas waren und wie kaum etwas anderes für das moderne Manhattan standen. Heute befindet sich dort das 9/11 Memorial. Die Lichtstrahlen selbst kommen zwar von einem Parkhaus einige Blocks entfernt, doch sie symbolisieren genau das, was fehlt. 
Von dort machte ich mich weiter auf zum Fulton Ferry Pier. Einer der bekanntesten Fotospots der Stadt. Dort standen bereits unzählige Fotografen mit Stativen und Kameras. Viele hatten exakt dieselbe Idee wie ich.
Das ist wahrscheinlich der ikonischste Spot für Bilder von der Skyline, denn dort hat man gleichzeitig noch den Sonnenuntergang hinter Manhattan und damit das letzte Licht am Himmel, bevor alles komplett schwarz wird. Genau das wussten natürlich auch viele andere Fotografen. Zusätzlich gab es sogar noch ein Fotomeetup einer Instagramseite. 
Ich machte die Bilder sowohl im Querformat als auch im Hochformat. Allerdings war es erstaunlich schwierig, die Langzeitbelichtungen sauber hinzubekommen. Der Wind brachte das Stativ ständig leicht in Bewegung oder  man hatte immer irgenwelche Flugzeuge im BIld. Man musste wirklich auf den perfekten Moment warten und gleichzeitig hoffen, dass niemand gegen die Steine stößt, auf denen die Stativbeine standen. Selbst kleinste Erschütterungen sorgten sofort dafür, dass das Bild verwackelte.
Nach ein paar Bildern und etwas Smalltalk passierte dann das, womit niemand wirklich gerechnet hatte. Die Lichter gingen plötzlich wieder aus.
Viele denken, dass die Tribute in Light nur am 11. September selbst eingeschaltet werden. Tatsächlich werden sie aber schon in den Tagen davor immer wieder getestet. Genau das hatte ich gerade erlebt.
Am nächsten Morgen fuhr ich zunächst zum Times Square. Dort war alles wie immer. Menschenmassen, blinkende Werbetafeln, Touristen mit Selfiesticks und Straßenkünstler in Kostümen. Nur wenige Kilometer weiter im Financial District herrschte jedoch eine komplett andere Stimmung. Viele Straßen waren abgesperrt. Menschen gingen mit gesenktem Kopf Richtung Feuerwache. Feuerwehrleute in Uniform liefen zur Gedenkstätte der FDNY.
Direkt um die Ecke steht außerdem ein unscheinbares Gebäude mit enormer Bedeutung für die Ereignisse von 2001. Der Burger King an der Ecke Trinity und Liberty Street diente damals als Lagerzentrum und provisorisches Hauptquartier der Rettungskräfte. 
Nicht nur dieses Gebäude wurde damals zweckentfremdet, sondern auch andere.
Am 9 11 Memorial selbst fand eine große Gedenkfeier statt. Sogar Donald Trump war vor Ort. Die Stimmung dort war schwer zu beschreiben. Einerseits traurig und bedrückend, andererseits spürte man auch Zusammenhalt. Dieses Ereignis hat viele Menschen enger zusammengeschweißt.
Ich traf dort sogar zwei Deutsche aus Krefeld. Einen Polizisten und eine Feuerwehrfrau. Beide waren angereist, um ihren Respekt zu zeigen und der Menschen zu gedenken. Menschen, die als First Responder damals im Einsatz waren oder bei den Anschlägen ihr Leben verloren haben.

06 Liberty Street, New York, N.Y., September 13, 2001. NYPD enter their temporary headquarters one block from the World Trade Center site. Andrea Booher/FEMA photo

Burgerking als Headquarter, Bild: FEMA photo /Andrea Booher

A Feuerwehrmann salutiert vor dem Denkmal der 343.

Am Abend begann dann meine eigentliche Fototour. Zum Sonnenuntergang stand ich wieder am Wasser des Fulton Pier. Erst färbte sich der Himmel orange und rot, danach verschwand langsam das letzte Licht der blauen Stunde. Und dann erschienen sie erneut. 
Es waren sogar noch mehr Fotografen als gestern vor Ort. Die beiden Lichtstrahlen ragten wieder über Manhattan in den Nachthimmel. Diesmal wollte ich das Bild unbedingt perfekt festhalten. Mit Spiegelung im Wasser und einer langen Belichtungszeit. Danach fuhr ich direkt zu dem Parkhaus, auf dem die Scheinwerfer der Lichtsäulen stehen.
Die Skyline mit den zwei Türmen
Die Skyline mit den zwei Türmen
Star Wars
Star Wars
44 7000W Xenon Scheinwerfer bilden je einen Turm.
44 7000W Xenon Scheinwerfer bilden je einen Turm.
Aus der Nähe wirkte alles fast surreal. Die beiden Strahlen bestanden nicht aus jeweils einer Lampe, sondern aus dutzenden perfekt ausgerichteten Scheinwerfern. Mit einem Weitwinkelobjektiv direkt auf dem Boden liegend konnte man die gigantischen Dimensionen erst richtig erkennen. Es erinnerte mich fast ein wenig an Lichtschwerter aus Star Wars.
Später ging es weiter zum Ground Zero. Überall lagen Rosen. Menschen standen an den Namen der Opfer und erzählten Geschichten über ihre Angehörigen. Ein Mann sprach über seine Frau, die damals im Nordturm arbeitete. Sie sei morgens glücklich zur Arbeit gegangen und niemals zurückgekehrt.
Solche Geschichten verändern die Stimmung komplett. Erst vor Ort versteht man wirklich, wie viele einzelne Schicksale mit diesem Tag verbunden sind. Auch die Geschichten über die Evakuierung beeindruckten mich. Über 500.000 Menschen wurden damals in der größten maritimen Evakuierung der Geschichte per Fähren, Yachten, Freizeitbooten, Tugboats, Partyboats, etc. aus dem Financial District herausgebracht. Dinge, die man sonst oft nur am Rande mitbekommt. (Dokumentation Boatlift)
Zum Abschluss fuhr ich weiter nach New Jersey zum J Owen Grundy Park. Von dort hat man einen komplett anderen Blick auf Manhattan. Und genau dort entstand schließlich mein Lieblingsbild.
Eine tiefe Wolkendecke zog über die Stadt und schnitt die Lichtstrahlen exakt auf der Höhe ab, auf der früher ungefähr die Twin Towers endeten. Es wirkte fast so, als würde die alte Höhe der Gebäude wieder sichtbar werden. Die Türme waren zeitweise sogar die höchsten Gebäude der Welt und galten in New York City als Wahrzeichen einer neuen Epoche der Globalisierung und der modernen Architektur. 1999 standen meine Eltern noch gemeinsam oben auf der Aussichtsplattform der Türme. Dieser Moment wirkte deshalb noch surrealer. Natürlich machte ich sofort weitere Langzeitbelichtungen und auch einige Panoramen. 
Diese Reise war am Ende viel mehr als nur Fotografie. Es war mein 5. Mal in dieser Stadt, aber New York wirkte in diesen Tagen gleichzeitig laut und still. Fröhlich und traurig. Voller Energie und trotzdem nachdenklich. Man spürte, dass dieses Ereignis die Stadt bis heute verändert hat. Aber man merkte auch, wie sehr es die Menschen zusammengeschweißt hat. 
Am nächsten Morgen ging es dann zurück zum JFK und mit einer anderen Ringelsocke wieder nach Hause.

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