Der legendäre Schriftzug am Ende der Welt

Wenn es in der Seefahrt nur ein legendäres Kap gäbe, dann wäre es Kap Hoorn. Kein anderer Ort steht so sehr für den Mut der großen Entdecker und Seefahrer, die über Jahrhunderte hinweg die tosenden Gewässer am Ende der Welt bezwangen, um neue Handelswege zu erschließen und die Kontinente miteinander zu verbinden. Die gefährliche Umrundung des Kaps schrieb unzählige Geschichten von Sturm, Abenteuer und Entbehrung und wurde zu einem Symbol für die Entdeckerlust, die unsere heutige vernetzte Welt mitgeprägt hat.
Schon seit einigen Wochen habe ich mich auf diesen Morgen gefreut. Die Anlandung am Kap Hoorn war für mich eines der absoluten Highlights der Reise. Umso spannender war die Frage, ob sie überhaupt stattfinden würde. Nur zweimal Mal dieses Jahr steht das legendäre Kap auf dem Fahrplan der Hapag Lloyd Schiffe und selbst dann gelingt eine Anlandung nur in etwa der Hälfte der Fälle. Zu unberechenbar sind Wind, Wellen und Schwell an einem der rauesten Orte der Erde.
An diesem Morgen hatten wir jedoch großes Glück. Als ich auf die Brücke ging, lag die Spirit bereits vor Anker. Das Wetter war überraschend ruhig und die Bedingungen sahen gut aus. Mit dem ersten Zodiac ging es hinüber zur kleinen, windgeschützten Bucht auf der Ostseite der Insel. Trotzdem merkte man bereits dort den starken Schwell, der selbst in der geschützten Ecke noch deutlich zu spüren war.  Nach der Anlandung führte uns eine schmale Treppe die steile Klippe hinauf. Mit jedem Schritt nach oben wurde der Wind stärker. Es war gerade einmal viertel nach Sieben am Morgen und die Bedingungen waren noch relativ ruhig. Deshalb machte ich mich direkt auf den Weg, um die einmalige Gelegenheit zu nutzen und einige Bilder der Kapelle und des Leuchtturms ohne andere Besucher aufzunehmen.

Der Leuchtturm auf dem Kap Hoorn

Nach einem kurzen Blick in den Himmel entschied ich mich, die Drohne zu starten. So eine Gelegenheit bekommt man nicht oft. Die ersten Minuten waren ein unwirkiches Erlebnis. Aus der Luft konnte ich den Leuchtturm, die kleine Kapelle und die zerklüftete Landschaft von Kap Hoorn aus einer Perspektive sehen, die nur wenige Menschen erleben dürfen. Auch das berühmte Albatros Denkmal hielt ich aus der Luft fest.

Eine seltene Perspektive auf das Kap Hoorn

Doch Kap Hoorn zeigte schnell, wer hier die Regeln bestimmt. Innerhalb von nur 15 Minuten wurde der Wind merklich stärker. Die Drohne kämpfte bereits gegen die Böen und ich war sehr erleichtert, als ich den Vogel wieder sicher auf dem Boden hatte. Viel länger wäre ein Flug vermutlich nicht mehr möglich gewesen.
Anschließend machte ich mich auf den Weg zum Albatros Denkmal. Die beeindruckende Skulptur wurde zu Ehren der sogenannten Kaphörner errichtet. Als Kaphörner bezeichnet man die Seeleute, die in der Zeit der großen Segelschiffe das gefürchtete Kap Hoorn unter Segeln umrundeten. 

Das Albatros Denkmal am Kap Hoorn

Vor mir lag das berühmte Albatros Denkmal, der wohl bewegendste Ort auf Kap Hoorn. Es erinnert an die über 10.000 Seeleute und mehr als 800 Schiffe, die den gefährlichen Gewässern rund um das Kap zum Opfer fielen und macht diesen Ort zum größten Schiffsfriedhof der Welt.
Der vom chilenischen Künstler José Balcells geschaffene Albatros wurde 1992 eingeweiht und steht symbolisch für die Seelen der verstorbenen Seeleute. Besonders eindrucksvoll sind die Worte der chilenischen Dichterin Sara Vial, die den Albatros als „die Seele der toten Seeleute“ beschreibt, die über den Meeren für immer weiterfliegen.
Ich bin der Albatros, der am Ende der Welt auf dich wartet.
Ich bin die vergessene Seele der toten Seeleute,
die zum Kap Hoorn segelten, von allen Meeren der Erde.
Aber sie sind nicht gestorben im Toben der Wellen,
denn jetzt fliegen sie auf meinen Schwingen für alle Zeit in die Ewigkeit,
wo am tiefsten Abgrund der antarktische Sturm heult.

Gedicht von Sara Vial am Albatros Denkmal 

Danach ging ich weiter zum Leuchtturm und der kleinen Kapelle. Der Leuchtturm wird bis heute von der chilenischen Marine betrieben. Die dort stationierten Soldaten leben gemeinsam mit ihren Familien mehrere Monate auf dieser abgelegenen Insel am Ende der Welt. Ein Leben, das man sich in dieser rauen und einsamen Umgebung kaum vorstellen kann. 
Auf dem Weg zurück wartete eine ungewohnte Szene auf mich. Mitten am Ende der Welt stand ich plötzlich im „Stau“. Auch ein chilenisches Schiff hatte die ruhigen Bedingungen genutzt, um eine seltene Anlandung am Kap Hoorn zu ermöglichen. Während der Rückfahrt wurde das Wetter bereits deutlich schlechter. Der Wind nahm weiter zu und die Wellen wurden höher. Umso mehr wurde mir bewusst, was für ein besonderes Glück wir an diesem Morgen hatten.
Eine Anlandung am Kap Hoorn ist weit mehr als nur ein weiterer Landgang auf einer Kreuzfahrt. Es ist ein Moment, der von den Kräften der Natur bestimmt wird und nur wenigen Reisenden vergönnt ist. Für mich wird diese Anlandung, die raue Natur, dem Flug der Drohne und dem Blick auf den legendären Ort am Ende der Welt für immer in Erinnerung bleiben.

Ein Blick auf die Landestelle auf der Ostseite der Insel.

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