Zum zweiten Mal in diesem Jahr führte mich mein Weg nach Jakarta. Bereits im Februar war ich für einen Tag hier, nachdem ich von Lombok kam, um bei der Bundestagswahl zu wählen. Diesmal war Jakarta lediglich der letzte Stopp meiner Reise, denn mein Rückflug nach Europa startete von hier.
akarta ist eine Stadt der Superlative. Mehr als zehn Millionen Menschen leben innerhalb der Stadtgrenzen, im gesamten Ballungsraum sind es sogar über 30 Millionen. Schon beim ersten Blick wirkt alles riesig. Überall ragen Wolkenkratzer in den Himmel. Breite Stadtautobahnen schlängeln sich durch die Häuserschluchten. Für einen Moment könnte man glauben, irgendwo in einer amerikanischen Metropole gelandet zu sein.
Doch dieser Eindruck hält nur wenige Augenblicke.
Zwischen den modernen Hochhäusern stehen kleine Hütten aus Holz und Wellblech. Hinter gläsernen Bürotürmen beginnen enge Gassen. Vor luxuriösen Shopping Malls werden Taschen verkauft, die mehr kosten als manche Menschen hier in mehreren Monaten verdienen. Nur auf der anderen Straßenseite sitzen Arbeiter, in kleinen Warungs auf einfachen Holzbänken und essen eine Suppe zum Mittag. Luxus und Armut liegen hier oft nur wenige Meter auseinander. Zwei völlig unterschiedliche Welten, getrennt durch eine Straße und doch unendlich weit voneinander entfernt. Auch der Verkehr zeigt, wie anders Jakarta ist. Unzählige Mopeds bestimmen das Straßenbild. Sie quetschen sich durch jede noch so kleine Lücke und bilden an jeder roten Ampel ein dichtes Meer aus Motorrädern. Spätestens dann wird klar, dass diese Stadt eben nicht New York oder Los Angeles ist, sondern ihren ganz eigenen Charakter besitzt.
Gleichzeitig kämpft Jakarta mit einem Problem, das man auf den ersten Blick kaum wahrnimmt. Die Stadt sinkt. Durch die jahrzehntelange Entnahme von Grundwasser sackt der Boden in einigen Stadtteilen jedes Jahr um mehrere Zentimeter ab. Zusammen mit dem steigenden Meeresspiegel führt das besonders im Norden immer wieder zu Überschwemmungen. Kein Wunder also, dass Indonesien seine neue Hauptstadt inzwischen auf Borneo errichtet.
Bereits im Februar hatte ich über Instagram einen Fotografen und Drohnenpiloten aus Jakarta kennengelernt. Er zeigte mir einige der beeindruckendsten Aussichtspunkte der Stadt und gab mir zahlreiche Tipps für meinen Aufenthalt. Dieses Mal zog es mich wieder an einen dieser Orte.
Noch bevor die Kameratasche vollständig geöffnet war, kamen bereits drei andere Drohnenpiloten herüber. Sie waren gerade mit ihren Flügen fertig geworden und kamen neugierig ins Gespräch. Schnell wurden Erfahrungen ausgetauscht, gemeinsam Erinnerungsfotos gemacht und weitere Orte empfohlen, von denen sich Jakarta besonders eindrucksvoll überblicken lässt.
Und genau aus dieser Perspektive wird erst deutlich, welche Dimensionen diese Stadt besitzt. Zwischen den unzähligen Hochhäusern verlaufen breite Straßen wie Canyons aus Beton. Die Skyline scheint kein Ende zu nehmen. Gebäude reiht sich an Gebäude, Hochhaus an Hochhaus. Erst von oben wird wirklich sichtbar, wie gigantisch Jakarta ist.
Am nächsten Morgen fiel der Blick auf eines der größten Autobahnkreuze der Stadt. Dieses gewaltige Kleeblatt aus Straßen wirkte beinahe surreal. Mehrere Ebenen verlaufen übereinander, während sich ununterbrochen Fahrzeuge ihren Weg durch die Stadt bahnen. Als schließlich die Sonne durch den Dunst brach, legte sich ein milchiger Schleier aus Smog über die Skyline. Das Licht wurde weich, die Hochhäuser verschwammen leicht im Hintergrund und verliehen der Szene eine fast unwirkliche Stimmung.
Später ging es weiter zur Infinity Link Bridge, einer modernen, S förmig geschwungenen Fußgängerbrücke über den Fluss Ciliwung. Sie verbindet die beiden Seiten des Ufers und ist Teil eines Projekts, mit dem der Flussraum aufgewertet und für Fußgänger sowie Radfahrer attraktiver gestaltet werden sollte. Ist meiner Meinung nach echt gut geworden. Während ringsherum dicht bebaute Wohnviertel, Hochhäuser und viel befahrene Straßen das Stadtbild prägen, entstand entlang des Flusses ein schmaler grüner Korridor, der den Menschen etwas Abstand vom hektischen Alltag bietet. Viele Menschen nutzen diesen Park morgens zum Joggen oder für Gymnastikteffen, es gibt auch zwei Spielplätze für Kinder.
Von der Brücke aus eröffnet sich ein ungewöhnlicher Blick auf Jakarta. Auf der einen Seite ragen die Hochhäuser der Innenstadt in den Himmel, auf der anderen Seite schlängelt sich der Ciliwung durch die Millionenstadt. Zwischen Bäumen, Spazierwegen und Rasenflächen wirkt dieser Ort fast wie eine kleine Oase, obwohl der Verkehr nur wenige Meter entfernt ununterbrochen vorbeirauscht. Gerade dieser Kontrast macht die Infinity Link Bridge zu einem schönen Ort in der Stadt.
Den Abschluss des Tages bildete der Norden Jakartas. In einem kleinen Restaurant direkt an der Küste ließ sich beobachten, wie die Fischerboote nach und nach ihre Lichter einschalteten. Im Hintergrund erhob sich die Skyline der Millionenstadt, während in der Ferne die Lichter einer Raffinerie den Horizont erhellten. Industrie, Fischerei und moderne Hochhäuser verschmolzen zu einem Panorama, das typisch für Jakarta ist.
Jakarta ist eine Stadt, die ich bei meinem ersten Besuch im Jahr 2019 überhaupt nicht mochte. Damals blieb mir vor allem der dichte Smog in Erinnerung. Die Luft war stickig, vielerorts lag Müll am Straßenrand, die Hitze war drückend und der Aufenthalt dauerte zum Glück nur zwei Tage. Entsprechend froh war ich damals, die Stadt schnell wieder verlassen zu können.
Sechs Jahre später hat sich mein Blick auf Jakarta verändert. Sicherlich sind viele der Herausforderungen geblieben. Doch inzwischen sehe ich nicht mehr nur den Lärm, den Verkehr und die riesigen Hochhäuser. Es sind vor allem die Gegensätze, die diese Stadt so faszinierend machen. Arm und Reich, Tradition und Moderne, Natur und Beton liegen hier oft nur wenige Schritte voneinander entfernt.
Auch der Blick von oben hat meine Sicht auf Jakarta verändert. Erst aus dieser Perspektive wird einem bewusst, wie riesig diese Stadt eigentlich ist. Zwischen den endlosen Hochhäusern tauchen immer wieder kleine grüne Parks, Flussläufe und Orte auf, die man vom Boden aus kaum wahrnimmt. Die Infinity Link Bridge ist für mich eines dieser Projekte. Sie zeigt, dass Jakarta nicht nur immer weiter wächst, sondern auch versucht, lebenswerter zu werden.
Ich hoffe, dass in den kommenden Jahren noch viele solcher Projekte entstehen. Nicht nur für Touristen oder schöne Bilder, sondern vor allem für die Menschen, die hier jeden Tag leben. Denn trotz aller Probleme steckt in Jakarta unglaublich viel Potenzial und ich bin gespannt, wie sich die Stadt in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird.